
Agassi
Treffen sich zwei Musiker am Gartenzaun – klingt nicht gerade nach Punk. Das Ergebnis dieses Zusammentreffens vor drei Jahren ist aber genau das: die deutsch-britische Postpunk-Band AGASSI. Die Musiker am Gartenzaun, irgendwo in Hamburg: Ben Galliers aus Coventry, einst ein an seinem Beruf zweifelnder Profifußballer, später dann eine Hälfte des Surfrock-Duos The Voo, und Mark Tavassol, Bassist und Gitarrist von Wir Sind Helden und Gloria. Drei Jahre nach dem schicksalshaften Zusammentreffen sind sie aber nicht mehr zu zweit, mittlerweile haben Nina Müller, eher bekannt als WIM, an den Synthesizern, Jonas Böker am Schlagzeug und der studierte Physiker Koschi (laut Ausweis Matthias Koschnitzke) an der Gitarre die Band komplett gemacht. Entstanden ist AGASSI aus der Suche nach etwas Neuem – einer neuen Richtung, einem neuen Sound.
„Das war ein komisches Jahr“, erzählt Ben. Bei Mark war ein Bandprojekt gerade auseinandergegangen, Bens langjähriger Bandkollege und guter Freund Andrew war überraschend verstorben. „Und dann war da der Elefant im Raum“, erinnert sich Mark, „die Idee, dass wir uns im Studio treffen.“ Das kann natürlich schiefgehen. Oder einfach versanden. Nicht so bei Ben und Mark: Aus dem „ersten höflichen Treffen“ wurden regelmäßige, zum Teil auch aufreibende Sessions und erste Demos, „die noch weit weg waren von dem, was wir heute als AGASSI bezeichnen!“, sagt Mark und lacht.
Denn bald war den beiden bewusst: Das soll kein Duo bleiben. Sie wollten weitere Bandmitglieder, und zwar welche, die auf Augenhöhe ihre eigene Kreativität und Ideen mitbringen. Fündig wurden sie im Bekanntenkreis, unter anderen Musiker*innen und auch bei einer Halloweenparty. „Ich war ein Hai, der sich im Plastikmüll verfangen hatte“, erzählt Koschi, „und Ben war Steuerprüfer – in unserem Beruf das vielleicht gruseligste Kostüm.“ Jetzt also AGASSI. Ein Name, der irgendwann einfach da war, ein wenig aus Zufall. Und trotzdem gleich Assoziationen hervorruft. Rebell. Tennispunk. Legende. Und dabei immer noch „good guy“, wie sie es nennen.
Und so klingt auch AGASSI: rotzig, emotional, aber auch sehr direkt. Gerne auch anarchisch und trotzdem: good guys and girls. Der gemeinsame Sound dazu entwickelte sich über die Zeit. Postpunk mit verträumten Indie-Momenten könnte man das vielleicht nennen. Neue Deutsche Welle auf Englisch? Mit Einflüssen von Sleaford Mods, Yard Act, The Breeders oder Fountains D.C. Aber auch der eigenen melodischen musikalischen Prägung zwischen Rock’n’Roll und Indiepop.
„Arcade Melodies“ heißt das Resultat, ein Debütalbum, das seine eigenen Bilder zeichnet: Mal hat man die blinkenden Lichter der Spielhallen in den englischen Badeorten Brighton, Eastbourne oder Margate vor Augen, mal die Keller britischer Underground-Clubs. Arrangiert wurde „Arcade Melodies“ über Monate im eigenen Studio in Hamburg und schließlich aufgenommen in nur zehn Tagen im legendären Clouds Hill Studio gemeinsam mit Johann Scheerer als Produzent. Es lebt von der Spielfreude, mit der alle gemeinsam im Aufnahmeraum standen, und von der Spannung zwischen nerdiger Genauigkeit und punkigem Laissez-faire.
In zehn Songs zeigen AGASSI die Bandbreite ihres Sounds. Es wird gesungen und geschimpft, es wird emotional und raw und dann wieder erhebend und versöhnlich. Thematisch geht es immer wieder um Identität, die großen Fragen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Was ist eigentlich die letzten Jahre passiert? Irgendwo zwischen Akzeptanz und Abwehr, Liebe und Wut. „Es gibt immer eine Seite in uns, die darüber nachdenkt, wer man geworden ist, wer man war und was man sein will“, sagt Ben.
Da wäre zum Beispiel das verspielte „Coin Pusher“, auf eine Art auch titelgebender Song für das Album, das uns direkt reinholt in so ein Arcade irgendwo in England. Mit einer Indie-Melodie, die zwischen Euphorie und Trauer oszilliert, tauchen wir ein in die nicht unglückliche Welt eines Spielers an einem vergleichbar harmlosen Automaten, der sein kleines Glück im bunten Treiben der Spielhalle gefunden hat. Wer gibt uns das Recht, über sein Glück zu urteilen? Oder das erst ganz reduziert daherkommende „The Whole Shebang“, das Bens hypnotische Skills als Vocalist in den Vordergrund stellt. Oder „My Favourite Batman“, eine Ode an den besten Batman aller Zeiten, vielleicht Michael Keaton? Und gleichzeitig Kritik an einer vorgetäuschten Liebe zur Popkultur.
„Ich habe dabei natürlich an mein 20-jähriges idiotisches Ich gedacht“, lacht Ben. Oder „Keine Energie geht verloren“, eine Art Postpunk-Requiem für Bens verstorbenen Bandkollegen Andrew von The Voo. „Ein gemeinsamer Freund sagte: Er wird sowieso immer da sein, keine Energie geht verloren!“ Hier haben AGASSI einen Gast eingeladen: Frank Spilker von Die Sterne. Keine Energie geht verloren – im Fall von AGASSI ist das Gegenteil wahr: Dieses Album schenkt Energie. Die Spielfreude dieser Band überträgt sich unmittelbar auf das Publikum. Aufschlag AGASSI.*
AGASSI, die bei ihren Shows bereits mit einer beeindruckenden und hypnotischen Live-Energie punkten, starten 2026 in die Saison mit der Bestätigung einiger liebevoll kuratierten Festivals wie etwa dem Orange Blossom Special . Zu ihren Album-Release Anfang Juni spielen sie im Berliner Rough Trade Store einen exklusiven In Store-Gig – mehr Shows sind bereits in Planung!